Mit 21 Heimvolkshochschulen hat Niedersachsen so viele staatlich anerkannte und geförderte Erwachsenenbildungseinrichtungen wie kein anderes Bundesland. Und: Die Heimvolkshochschulen sind in Niedersachsen der Ort, an dem am meisten politische Bildung stattfindet, das zeigen die Auswertungen der Veranstaltungen der 21 Bildungshäuser. Dass diese Bildungspartnerschaft zwischen Erwachsenenbildung und Politik sich gegenwärtig auch zu einer ausdrücklichen Demokratiepartnerschaft entwickelt, wurde bei der Jahrestagung der Heimvolkshochschulen am 11.05.2026 in Haus Ohrbeck im Austausch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies sehr deutlich. Die Funktion von Heimvolkshochschulen geht über die Entwicklung und Vermittlung von Wissen weit hinaus: »Heimvolkshochschulen«, so Lies in seinem Fazit, »sind wichtiger Teil der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme.«
Destabilisiert die gesellschaftliche Krise die Demokratie in Deutschland?
Dr. Jörg Matzen, Vorsitzender des Heimvolkshochschulverbandes, führt in das Tagungsthema »Demokratie als Staats- und Lebensform« ein und stellt die Frage, wie unsere Demokratie, die seit 1945 tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, denn eigentlich in die Krise geraten ist? Gründe ließen sich finden, so Matzen, zum Beispiel die Zunahme von Differenzierung und Komplexität, die den politischen Prozess undurchsichtig werden lässt, der Verlust der gesellschaftlichen Bindekraft von Kirchen, Parteien, Vereinen und Verbänden, multiple Weltkrisen und der radikale Umbau der Arbeitsgesellschaft mit Stichwort KI – aber interessant sei doch vor allen Dingen die Frage, ob diese Veränderungen, die vielen Menschen Vieles abverlangen, auch Folgen für die Demokratie haben?
Matzen nennt Zahlen: Der Demokratiemonitor der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass eine breite Mehrheit der Befragten, 82%, die Demokratie und die mit ihr verbundenen Werte überdurchschnittlich stark befürwortet. Drastisch anders sehen die Werte bei der Frage aus, wie zufrieden die Deutschen mit der Umsetzung, mit den Ergebnissen der Demokratie sind: Von den 82%, die sie befürworten, sind es nur 29%, die mit dem praktischen Funktionieren der Parteien im Alltag zufrieden sind. Dass auch diese geringe Zufriedenheit mit der praktischen Arbeit von Institutionen bisher nicht zu einer grundsätzlichen Ablehnung der Demokratie geführt hat, zeige, so Matzen, dass das Fundament der Demokratie in Deutschland stabil ist. Auch die Autor:innen der Studie werten dieses Ergebnis als Zeichen für die Widerstandsfähigkeit unserer Demokratie, nicht als Krise.
»Bildung ist eine wichtige Investition in das Fundament der Demokratie.«
Diese Zahlen greift der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies in seiner anschließenden Rede auf und arbeitet aus veränderter Perspektive einen interessanten Blickwinkel heraus: »Diese Diskrepanz ist erschreckend, aber die hohen Zustimmungswerte zur Demokratie«, so Lies, »zeigen doch auch eines: Wenn die Demokratie handlungsfähiger wäre, wäre sie für die 82% der Deutschen, die nicht an ihr zweifeln, der richtige Weg!«
In seiner Rede thematisiert Lies als gemeinsame Aufgabe von Politik und Heimvolkshochschulen die Stabilisierung und Förderung der Demokratie: »Das ist ein Thema, das die Staatskanzlei und die Heimvolkshochschulen im selben Maße bewegt.« Lies identifiziert Einflüsse, die die Demokratie schwächen können – u.a. Desinformation, Intoleranz, mangelnde gesellschaftliche Beteiligung von Menschen, sinkende Bindekraft gesellschaftlicher Institutionen wie Kirche, Vereine, Verbände – und formuliert, was insbesondere Heimvolkshochschulen mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Bildung und Gesellschaft hier für die Stärkung der Demokratie bewirken können:
- Desinformation – Kritisches Denken fördern
Heimvolkshochschulen sind der Ort, an dem Menschen lernen können, wie sie Aussagen und Informationen hinterfragen und kritisch bewerten, um anschließend als Multiplikator:innen ihr Wissen in ihrem persönlichen und beruflichen Wirkungskreis weiterzugeben. Diskussion, Information und Meinungsbildung, so Lies, finde immer mehr in Medien statt, deren Instrumente und Regeln nicht transparent seien. Diese Entwicklung lasse sich nicht verhindern und deswegen sei es umso wichtiger, dass es Bildungseinrichtungen gebe, in denen Menschen einen kritischen Umgang mit Informationen lernen können.
- Intoleranz – Soziale und kommunikative Fähigkeiten stärken
Heimvolkshochschulen entwickeln und vermitteln in ihren Veranstaltungen Wissen – und schaffen damit zugleich einen Raum für Diskussion und Dialog, in dem demokratische Formen erlebt und eingeübt werden können: »Da gibt es in Ihrem Bildungsalltag doch immer wieder Situationen, in denen gelernt werden kann, in der inhaltlichen Auseinandersetzung die Meinung des anderen aufzunehmen, zugleich aber die eigene Haltung zu bewahren – aber auch sagen zu können: Du hast Recht.« Menschen könnten hier eine kritische und respektvolle Diskussionskultur erlernen.
Was Heimvolkshochschulen so lebendig und wertvoll für die Demokratie macht: In den Bildungshäusern treffen Menschen und Gruppen aufeinander, die ansonsten in ihren Lebenswelten nicht miteinander in Kontakt kommen würden – beim Essen, in den Pausen, in der Freizeit. »Abends triffst du hier die«, so Lies aus eigener Erfahrung, »die du gar nicht treffen wolltest – und das ist gut so!«
- Mangelnde Beteiligung von Menschen – Tempo rausnehmen
Heimvolkshochschulen bieten Menschen gerade durch ihre oft mehrtägigen Veranstaltungsformate die Möglichkeit, sich Zeit für ein Thema zu nehmen. Lies plädiert ausdrücklich für Entschleunigung, um Meinungsbildung zu ermöglichen und Menschen so an Entwicklungen und Entscheidungen zu beteiligen. »Wir überholen uns gerade selber und Menschen können nicht mehr verstehen, warum wir was tun.« Es bestehe gerade zur Zeit die Vorstellung, dass Menschen Reformen wollten, und zwar möglichst schnell. Das sei ein Irrtum, so Lies: »Die Menschen möchten ein zuversichtliches Bild beschrieben haben, was wir erreichen wollen. Und dann wollen sie davon abgeleitet wissen, was wir tun müssen, um da anzukommen – dann sind sie auch bereit, dafür mitzuarbeiten und mitzuziehen. Und das alles hat viel mit der Frage zu tun, in welcher Geschwindigkeit wir unterwegs sind.«
- Sinkende Bindekraft sozialer Institutionen – Regionale Sozialnetzwerke stärken
Heimvolkshochschulen können dort, wo sie arbeiten – in ihrer Stadt, in ihrem Stadtteil, in ihrem Viertel – ein Akteur sein, der sich vor Ort und ganz deutlich sichtbar um Demokratie kümmert und sich für Demokratie einsetzt. Lies ermutigt die Bildungshäuser, auch außerhalb ihrer eigenen vier Wände Impulse in die Gesellschaft zu geben, sich mit anderen sozialen Trägern in ihrem Umfeld zu vernetzen und gemeinsam konkrete und sichtbare Projekte anzustoßen. Die Häuser könnten eine – analoge! – Plattform sein, wo Menschen zusammenkommen, sich auseinandersetzen und in der Gemeinschaft demokratische Grundfähigkeiten erleben und erlernen. »Demokratie«, so Lies, »kannst du nur vor Ort machen, nicht zentral.«
»Heimvolkshochschulen sind wichtiger Teil der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme«
Am Ende seiner Rede formuliert Lies ein starkes Fazit für die Heimvolkshochschulen: »Bei all diesen Problemen, die wir hier gerade beschreiben, sind die Heimvolkshochschulen wichtiger Teil der Lösung. Wir brauchen die Heimvolkshochschulen und wir müssen sie unterstützen mit den Möglichkeiten, die wir haben. Wir müssen die Heimvolkshochschulen in die Lage versetzen, dass sie diese Aufgaben wahrnehmen können. Das gemeinsame Anliegen von Politik und Heimvolkshochschulen ist: Demokratie stabilisieren.«
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