Treffen sich ein Rabbiner, ein Bischof und ein Imam – Interreligiöser Dialog 50 Jahre nach der Konzilserklärung »Nostra aetate«

»Treffen sich ein Rabbiner, ein Bischof und ein Imam... zu einem Gebet der Religionen.« So bringt ein Teilnehmer der Tagung »Nostra aetate« auf den Punkt, was ihn vielleicht am tiefsten beeindruckt hat: Zu erleben, wie die Vertreter dieser drei Religionen – Rabbiner Avraham Radbil, Bischof Dr. Franz-Josef Bode und Imam Abdul-Jalil Zeitun – im Beisein der anderen beten.

Was heute möglich ist, war vor nur fünfzig Jahren noch ganz undenkbar. Damals gab es in der katholischen Kirche keine offizielle Anerkennung anderer Religionen und kaum offiziellen Dialog. Das änderte erst 1965 »Nostra aetate«, eine Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der die katholische Kirche ihre Haltung zu den nicht-christlichen Religionen neu formuliert hat. Von dieser Erklärung ging der entscheidende Impuls zu einer Öffnung der katholischen Kirche für den interreligiösen Dialog aus. Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums von »Nostra aetate« hatte der Osnabrücker Bischof Dr. Franz-Josef Bode Menschen, die sich im Austausch der Religionen engagieren, nach Haus Ohrbeck eingeladen. Dass insbesondere das »Gebet der Religionen« bei vielen Tagungsgästen so tiefen Eindruck hinterlassen hat, kann also nicht verwundern, denn es ist die sichtbare und berührende Bestätigung, dass »Nostra aetate« nicht Papier geblieben ist, sondern heute, fünfzig Jahre später, zwischen den Menschen lebendig ist.

»Nostra aetate«: Das Eigene wahren, das Andere anerkennen
»In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren…« Mit diesen Worten beginnt »Nostra aetate« und formuliert eine Entwicklung, die wir heute Globalisierung nennen. Die multikulturelle und multireligiöse Welt, in der wir heute leben, deutet sich damals offenbar bereits an und wird von den Konzilsvätern auch wahrgenommen. Und so versuchen sie, mit »Nostra aetate« diesen Veränderungen der Zeit zu begegnen und die bis dahin gegen andere Religionen verschlossene katholische Kirche zu öffnen. In dieser Erklärung bekundet die katholische Kirche ihre Hochachtung vor dem Islam, legt den Schwerpunkt aber auf die Ausführungen ihrer Haltung zum Judentum. »Lange und intensiv haben die Konzilsväter um dieses Dokument gerungen«, so Bischof Bode in seiner Eröffnungsrede, »denn was heute für viele von uns selbstverständlich scheint, kam damals einer Revolution gleich: Erstmals bekannte die katholische Kirche öffentlich, dass es Wahres und Heiliges auch in den anderen Religionen gibt. Außerdem ermahnt das Dokument alle zur Zusammenarbeit und zum gemeinsamen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.« 

Gebet der Religionen
Wie muss man es sich eigentlich vorstellen, wenn Vertreter der jüdischen, christlichen und muslimischen Religion »zusammen beten« – schließlich sprechen sie ja nicht dasselbe Gebet. Richtiger müsste man vielleicht formulieren: Sie befinden sich gemeinsam in einer Gebetsituation, in der jeder sein eigenes Glaubensbekenntnis spricht und dies in der Gemeinschaft und im Beisein der anderen tut. Genau das haben die Teilnehmenden der Tagung erlebt: Rabbiner, Bischof und Imam gehen – in der chronologischen Reihenfolge der Entstehung ihrer Religion – zur Schriftlesung nacheinander zu einem Tisch, auf dem eine hebräische Bibel, eine christliche Bibel und der Koran liegen. In hebräischer, deutscher und arabischer Sprache lesen sie aus ihrer jeweiligen Heiligen Schrift einen Bibeltext. Anschließend spricht jeder der drei Vertreter ein Gebet aus seiner eigenen Tradition.

Die Herausforderung, die »Nostra aetate« mit sich bringt, liegt auf der Hand: Wie bewahrt jeder das, was ihn in seinem Kern, in seinem Wesen, in seinem Innersten ausmacht und erkennt zugleich das an, was den anderen ausmacht – und gemeint ist nicht, den anderen zu tolerieren oder zu akzeptieren, sondern ihn wirklich anzuerkennen. Wie versteht man sich als Gleicher unter Gleichen und vermeidet dennoch jede Gleichmacherei? Wie wahrt man im Wunsch nach Offenheit, Annäherung und Austausch die eigenen Grenzen, ohne auszugrenzen und abzuweisen?

Interreligiöser Dialog im Bistum Osnabrück 
Zugegeben, das klingt alles sehr schwierig und auch etwas abgehoben. Wie immer, wenn papierne Erklärungen zum Leben erweckt werden sollen, braucht es tatkräftige Menschen, die einfach tun – und die gibt es im Bistum Osnabrück heute überall in Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden und zig Initiativen, wo sie einen regen Austausch zwischen den Religionen in Gang gesetzt haben. Beeindruckend war nicht nur die große Zahl, sondern auch die Bandbreite der Projekte und Initiativen, die während der Tagung ihre Arbeit vorgestellt haben. Drei Beispiele:

  • In der Drei-Religionen-Grundschule in Osnabrück lernen christliche, jüdische und muslimische Kinder nicht nur gemeinsam, sondern stellen sich die im jeweils eigenen Religionsunterricht erarbeiteten Ergebnisse gegenseitig vor und lernen bei den gemeinsamen Mahlzeiten die Speisevorschriften der anderen Religionen kennen. 
  • Der Gröpelinger Friedensgang in Bremen, ein interreligiöses Stationengebet, bringt Menschen unterschiedlicher Religionen und Konfessionen sichtbar zusammen: Gemeinsam suchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nacheinander ein katholisches, evangelisches und muslimisches Gotteshaus auf, wo kurze Besinnungen, musikalische Darbietungen, Schriftlesungen aus Koran und Bibel und Gebet stattfinden.
  • Die Kindertagesstätte »Heilig Kreuz« in Osnabrück hat mit Perlen für Gott einen Gebetsweg für Kinder und Familien unterschiedlicher weltanschaulicher Hintergründe entwickelt. 

Der Herausforderung von »Nostra aetate« begegnen die Menschen, die sich in diesen Projekten engagieren, ganz praktisch: Es geht ihnen nicht darum, den anderen von der eigenen religiösen Sichtweise zu überzeugen, sondern darum, aus der eigenen Haltung heraus mit dem anderen zusammen etwas zu gestalten, mit Offenheit, Neugier auf den anderen und die andere, Freude an der Vielfalt – und am besten, ohne überhaupt daran zu denken, dass es eine Konzilserklärung ist, die sie gerade umsetzen.