Seit zehn Jahren: Hebräisch unter der Lupe

»Bei Interesse ist eine Weiterführung des Kurses geplant.« – schmunzeln muss man, wenn man diesen Satz aus dem Sommerprogramm 2006 heute liest, denn der Hebräischkurs »Die Bibel LESEN« findet seitdem ohne Unterbrechung statt: Zehn Jahre, drei mal jährlich, insgesamt dreißig Kurswochenenden. Ebenfalls außergewöhnlich: Damals wie heute leiten Dr. Uta Zwingenberger und Diplom-Theologin Eva-Martina Kindl den Kurs – und auch eine Handvoll Kursteilnehmer ist schon seit Mai 2006 dabei. Grund genug, diesen Kurs mal unter die Lupe zu nehmen.

Jedes Pünktchen zählt
»Die Bibel LESEN« bietet die Möglichkeit, an drei Wochenenden im Jahr einen Bibeltext kapitelweise und fortlaufend in der hebräischen Originalsprache zu lesen. Wenn die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer nach Haus Ohrbeck kommen, erwartet sie also ein weißes Blatt mit Reihen hebräischer Schriftzeichen, in die sie sich mit Eifer gemeinsam vertiefen. Warum nur?, fragt man sich, denn wer sich für Bibeltexte interessiert und sich mit anderen darüber austauschen möchte, der könnte es doch so viel einfacher haben und eine Bibelübersetzung zur Hand nehmen.

Am Austausch über die biblischen Texte sind die Teilnehmer ja auch interessiert – aber sie möchten eben noch ein bisschen mehr: Da ist zum einen der Wunsch, die Bibeltexte möglichst genau und dicht am hebräischen Original zu lesen, um sich ein eigenes Bild vom Wortlaut machen zu können. Zum anderen verbindet die Kursteilnehmer der Spaß am gemeinsamen Enträtseln dieser für unsere Augen so rätselhaften Schrift, deren Buchstaben, Pünktchen und Häkchen auf den ersten Blick mehr filigranes Kunstwerk als Lesetext zu sein scheinen. Und weil tatsächlich jedes Pünktchen zählt, gehört die Lupe zur Grundausstattung nicht weniger Teilnehmer. 

Wie löst man denn das Rätsel?
Ja, wie löst man denn nun so ein Rätsel? Eva-Martina Kindl beschreibt es wie das Entwickeln eines Fotos im Entwicklerbad: Auf dem weißen Fotopapier zeigen sich zuerst nur Konturen da und dort, nach und nach kommen ein paar Flächen hier und da hinzu, Einzelheiten sind schon gut erkennbar, das Bild wird dichter und man ahnt vielleicht schon, was zu sehen sein wird, aber fast bis zum Schluss dauert es, bis man das Bild wirklich ganz erkennen kann.

Wie soll das mit einem Text funktionieren? Wie entwickeln denn die Kursteilnehmer ihren Bibeltext? Im Detail ist es hier natürlich nicht zu erklären, aber vielleicht lässt sich am Beispiel des aktuellen Lesetextes Rut eine – stark vereinfachte – Idee von der Entwicklungsmethode geben:

Aus dem hebräischen Text werden zunächst einzelne, konturgebende Wörter herausgearbeitet: Im ganzen Text markieren die Teilnehmer als erstes die Verben. Das Ergebnis ist ein großes Sammelsurium, doch eines fällt sofort auf: Ein bestimmtes Verb kommt immer und immer wieder vor, der Text wirkt geradezu wie gespickt mit diesem Wort – und dieser Eindruck ist auch ganz richtig: Der hebräische Bibeltext verwendet in jedem Kapitel ein Leitwort, das zigfach wiederholt wird und dem Leser das zentrale Thema des Kapitels buchstäblich vor Augen führt. Im zweiten Kapitel Rut ist das Leitwort »(Ähren) sammeln«.
Als nächstes zeichnen sich vielleicht die Verben ab, die bedeutungsstark sind und den Handlungsverlauf anzeigen: (aufs Feld) gehen – befehlen – (nicht) schelten – niedersinken – trinken – sattessen – (in die Stadt) gehen. Mit dem Leitwort »Ähren sammeln« in Verbindung gebracht, begreift man zunächst möglicherweise nicht viel mehr, als dass hier wohl jemand zum Ährensammeln aufs Feld geht, irgendwie spielen Macht und Ohnmacht eine Rolle, aber offenbar nimmt alles ein gutes Ende, denn von Nahrung ist die Rede und davon, dass die Person das Feld wieder verlässt.

Nach und nach erschließen sich die Teilnehmer immer mehr Wörter, Satzteile werden sichtbar, ganze Sätze kommen zum Vorschein, die Zusammenhänge werden immer klarer sichtbar. Und am Ende liegt der vollständig entwickelte Text vor ihnen: Rut, verarmt und schutzlos, sammelt Ähren auf dem Feld des reichen Boas, der ihr mit unerwarteter Fürsorge begegnet: Er gibt ihr zu essen und zu trinken und erlaubt nicht nur, dass sie Ähren sammelt, sondern befiehlt seinen Knechten, auf dem Feld reichlich Ähren für sie liegenzulassen, so dass sie mit einer guten Ernte in die Stadt zu ihrer Schwiegermutter zurückkehren kann.
Ein weiter Weg vom ersten markierten Verb bis hierher – zumal der Text natürlich noch wesentlich komplexer ist als diese Kurzfassung!

Bringen Sie Ihre Lupe mit: Einsteiger willkommen!
Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer können bei entsprechenden Hebräischkenntnissen in den Kurs einsteigen. Bitte nehmen Sie dazu Kontakt mit Dr. Uta Zwingenberger auf: 05401/336-39 oder u.zwingenberger@remove-this.haus-ohrbeck.de.
»Die Bibel LESEN« findet 2017 an folgenden Wochenenden statt:

  • 24.–26. März 2017
  • 07.–09. Juli 2017
  • 17.–19. November 2017