Neue Ausstellung: »Charakterköpfe«

Wer zur Zeit durch den Ausstellungsflur in Haus Ohrbeck geht, der fühlt sich auf Schritt und Tritt von allen Seiten wortlos angesprochen: Von rechts schaut jemand aufmerksam, von links kommt ein fragender Blick, danach lacht einen jemand an – und so geht es weiter, links und rechts, den ganzen Flur entlang: Lauter kleine Gesichter laden hier zum Blickwechsel ein. Wer vor hatte, »mal eben schnell« durch den Flur zu laufen, der bleibt hängen, denn diese 11 sogenannten »Ich-Bilder« von acht- bis zehnjährigen Kindern, sind in ungewöhnlichem Maße eigenwillig, kraftvoll und ausdrucksstark.

Entstanden sind sie im Kinderatelier der Kunstschule PALETTI in Georgsmarienhütte. In verschmolzener Profil- und Vorderansicht zeigen die Bilder Gesichter in expressiver Farbgestaltung: Vor leuchtendrotem Hintergrund präsentiert sich ein violettes Gesicht umgeben von einer Fülle nachtblauer Haare. Wie gut ein Gesicht in kühlem Blau- und Petrolton einen knallroten Mund zur Geltung bringt, zeigt ein anderes Bild. Selbstbewusst füllen manche der Ich-Bilder das gesamte Format aus, andere setzen als Ausdrucksmittel gezielt Komplementärkontraste ein. Aus allen Bildern spricht eine große Ernsthaftigkeit, jedes der Porträts hat einen unverwechselbaren Charakter – den Titel »Charakterköpfe« trägt diese Ausstellung völlig zu Recht! Und wer dann unter den Bildern liest: Anastasia 10 Jahre, Evelyn 8 Jahre, Jonna 9 Jahre, der denkt wohl an seine eigenen Fertigkeiten im selben Alter zurück und muss – vermutlich! – doch passen...

Wie und wo entstehen erstaunliche Bilder wie diese?
Eine Frage stellt sich der Betrachter irgendwann geradezu unwillkürlich: Wie und wo entstehen erstaunliche Bilder wie diese? Das Kinderatelier der Kunstschule PALETTI bietet den Raum, die Umgebung und die Atmosphäre, die Kinder brauchen, um auf solche Weise zu ihrem eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden.
Ein Gespräch mit der Leiterin des Kinderateliers, Marion Strothmann, über die Entstehungsgeschichte der »Charakterköpfe« macht das sofort deutlich: Profil und Vorderansicht standen im Mittelpunkt des Malkurses, aber ein »Profil« – was ist das eigentlich? Das galt es als erstes herauszufinden. Also haben die Kinder sich zunächst gegenseitig betrachtet: von vorne, von der Seite, wieder von vorne, noch mal von der Seite, und haben sich so klar gemacht, was ein Profil ist und was es von der Vorderansicht unterscheidet: Das Ohr zum Beispiel sieht man von der Seite viel besser – aber statt zwei Augen ist da plötzlich nur noch eins, und der Mund ist im Profil auch nur noch halb da.
Um sich mit der Seitenansicht eines Gesichts auch zeichnerisch vertrauter zu machen, haben die Kinder als nächstes Profile skizziert, bevor sie sich dann an die Aufgabe gemacht haben, ein »Ich-Bild«, ein Porträt also, zu malen. Kein übliches Porträt sollte es allerdings werden, sondern eines, das die zuvor gemachten Wahrnehmungen thematisiert: Das Ich-Bild sollte Profil und Vorderansicht eines Gesichts in sich vereinen.
»Im Laufe so eines Kurses gibt es intensive Phasen, in denen die Kinder ganz konzentriert auf ihr Malen sind. Da sind sie ganz bei sich«, beschreibt Marion Strothmann die Atmosphäre, »und dann gibt es wieder Phasen, in denen sie gucken, was die anderen eigentlich malen, da gibt es dann Austausch, Bewegung, Begegnung.«

Nachdem sie ihre Bilder fertig gemalt hatten, haben die Kinder erfahren, dass auch schon andere Künstler vor ihnen, zum Beispiel Picasso, Porträts mit verschmolzener Profil- und Vorderansicht gemalt haben. Um wie viel zugänglicher und spannender das Werk eines so bekannten Malers ist, nachdem man sich im eigenen Malprozess gerade selbst intensiv mit den Tücken und Herausforderungen dieses Motivs befasst hat, kann sich jeder leicht ausmalen.