Neue Ausstellung: Ansehen schafft Ansehen – Tierporträts von Dörthe Bohne-Eylering

Hühner, Gänse, Kühe – was genau sehen wir eigentlich, wenn wir sie sehen? Den 10er-Eierkarton Größe M. Die Gänseleberpastete. Den Tetrapack frische Milch. Diese so genannten Nutztiere denken wir außerdem meistens im Plural. Das mag wohl auch daran liegen, dass diese Tiere üblicherweise als Herde auftreten, aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir gerade bei Nutztieren das Tier selbst kaum wahrnehmen – und erst recht nicht das einzelne Tier. Aber sehen denn nicht zum Beispiel Gänse auch irgendwie alle gleich aus? Zwei dreieckige Füße, viele weiße Federn, langer Hals und am Ende ein orangefarbener Schnabel, der, wenn er mal gerade nicht schnattert, Gras rupft und frisst… Alle gleich? Von wegen! Den überzeugenden Beweis liefert Dörthe Bohne-Eylering mit Pinsel und Farbe in ihren Tierporträts.

Begegnung auf Augenhöhe
In Dörthe Bohne-Eylerings Arbeiten begegnen uns Nutztiere wie Hühner, Gänse oder Kühe jenseits ihres Nutzens. Herausgelöst aus ihrem Zusammenhang als Lebensmittellieferanten zeigt sie diese Tiere und andere im bäuerlichen Umfeld angesiedelte Tiere wie Schwalben, Eulen oder einen Hofhund in großformatigen Porträts. Auffällig dabei: Alle Tiere gehen in direkten Blickkontakt mit dem Betrachter. Der Hund mustert den Betrachter mindestens so aufmerksam, ernsthaft und interessiert wie umgekehrt auch der Betrachter ihn ansieht. Ein kleiner Schwalbentrupp hat den Menschen vor der Leinwand fest im Blick, während der Betrachter jedes der fünf schwarz-weißen Knäuel ansieht. Mit neugierigen Knopfaugen und gereckten Hälsen kommen einem Gänse bis zum Bildrand entgegen. Eine Ziege erwidert den Betrachterblick mit ruhigen, geradezu seelenvollen Augen. Das »Nutztier« ist verschwunden – stattdessen sieht man sich als Betrachter dieser bewusst auf Augenhöhe gehängten Bilder Geschöpfen gegenüber, die einem wortwörtlich auf Augenhöhe begegnen. Erstaunlich, was der Künstlerin durch diesen direkten Blickkontakt gelingt: Im Moment des Ansehens der Tiere gewinnen die Tiere beim Betrachter an Ansehen. Der Blickkontakt schafft Ansehen. Man sieht nicht einfach den Kopf der Ziege, sondern man sieht der Ziege ins Gesicht, wodurch sie im wahrsten Sinne des Wortes »ein Gesicht« bekommt und augenblicklich aufhört, eine x-beliebige Ziege zu sein.

Und wieso ausgerechnet Nutztiere?
Da stellt sich natürlich die Frage: Wieso eigentlich ausgerechnet Nutztiere? Dörthe Bohne-Eylering ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und kennt den Umgang mit Nutztieren, wie er früher eher üblich war und heute immer mehr die Ausnahme ist – jede Kuh beispielsweise hatte ihren Namen und war für ihre Eigenheiten, um nicht zu sagen: für ihren Charakter bekannt. Klar, dass die ruhige Rita wieder ohne viel Theater durchs Gatter geht, während die störrische Elvira wie immer eine Extraeinladung braucht. Diese von Kindesbeinen an erfahrene Haltung, die Tiere nicht verklärt oder gar vermenschlicht, sie aber doch als Individuen mit Eigenheiten und Charakter wahrnimmt und achtet, drückt sich in ihren Tierporträts aus. Die Arbeiten von Dörthe Bohne-Eylering sind – ganz ohne erhobenen Zeigefinger – ein einnehmendes und charmantes Plädoyer für einen wertschätzenden Umgang mit Tieren in dem Bewusstsein, dass sie zwar auch, aber eben nicht ausschließlich »Nutztiere« sind, sondern Geschöpfe mit einem Leben für sich.

Haus Ohrbeck zeigt die Arbeiten von Dörthe Bohne-Eylering bis zum 30. Oktober 2015 zu den täglichen Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 9 bis 12 Uhr.