Gehen Haus Ohrbeck die Stühle aus?!

Gehen Haus Ohrbeck die Stühle aus?! Das kann man sich schon mal fragen, denn überall im Haus stehen anstelle der üblichen Stühle plötzlich Stühle, die ganz anders aussehen. Inmitten der braunen Holzstühle des Speisesaals: eine lila Rückenlehne, ein froschgrüner Stuhlrahmen. Bei den dunkelroten Ledersesseln des Lesebereichs der Rezeption: ein mit Rosen umkränzter, rosa gestrichener Holzstuhl. Zwischen den rot bespannten Metallstühlen des Vortragssaals: ein Holzstuhl mit Abdrücken von Händen, die Stuhlbeine mit buntem Klebeband umwickelt. Und so geht es weiter im ganzen Haus, im Kaminraum, auf den Fluren, in den Seminarräumen, im Treppenhaus, in der Bibliothek – ungewöhnliche Stühle, wohin man schaut.

»Nimm Platz!«: Stühle der Mitmachaktion des Bistums Osnabrück
Diese Stühle sind natürlich viel mehr als bloße Sitzgelegenheiten: Sie sind im Rahmen der Aktion »Nimm Platz« entstanden, für die u.a. Jugendgruppen und Schulen des Bistums Osnabrück Stühle ihrer Wahl zu (Wohlfühl-)Plätzen umgestaltet haben. Damit die Stühle dieses Ziel auch erreichen, haben wir viele von ihnen einfach unter die Stühle des Hauses gemischt. Mit großer Selbstverständlichkeit nehmen sie am alltäglichen Leben teil, sind mittendrin und finden so Menschen, die tatsächlich auf ihnen Platz nehmen: am Essenstisch, beim Zeitunglesen, beim abendlichen Zusammensitzen in Bibliothek und Kaminraum. Filigranere Konstruktionen werden lieber doch nur angeschaut, andere Stühle mal kurz »probegesessen« – wahrgenommen werden sie jedoch alle. 

Und auch wer keinen der Stühle ausprobiert, kommt zumindest ins Nachdenken: Der eigene, ganz persönliche Wohlfühlplatz – wie sähe der denn wohl aus? Und wie steht es eigentlich mit dem eigenen Platz im Leben: schon gefunden oder noch auf der Suche? Wie oft fühle ich mich fehl am Platz? Nimm Platz – Platz nehmen – sich Platz nehmen – sich Raum nehmen: Wie viel Raum gestatte ich mir, in dieser Welt einzunehmen, mit meiner Persönlichkeit, mit meinem Anderssein? Und wie gut kann umgekehrt ich denen einen Platz einräumen, die andere Lebensentwürfe, andere Meinungen und Vorstellungen haben als ich? Gelingt es mir, dem Anderen einen Platz zu geben, und zwar nicht irgendwo am Rand, sondern wirklich mittendrin?  

Unbedingt lesenswert: Die Stuhl-Steckbriefe, in denen die Gestalterinnen und Gestalter ihre Ideen, Motive und Gedanken erläutern. Beeindruckt und oftmals staunend erfährt man hier, warum sie ihren Stuhl so und nicht anders gestaltet haben. Um Sehnsucht nach Entschleunigung, Ruhe, Stille und Rückzug geht es ihnen ebenso wie um den Wunsch nach Gleichheit und Würde des Menschen. Das sind nur einige der Themen, die in Gestalt der Stühle plötzlich mitten im Raum stehen.