Ein kleines Stückchen heile Welt – Ausstellung mit Arbeiten von Nico Steyer

Mitte Mai, gerade mal 15 Grad und der Ausstellungsflur von Haus Ohrbeck steht in voller Blüte: leuchtend roter Klatschmohn, Sonnenblumen neigen ihre schweren Köpfe und der farbenprächtige Blütenkosmos eines hochsommerlichen Gartens wohin man schaut.

Zu verdanken ist dieser unerwartet frühe Sommeranfang den Arbeiten von Nico Steyer, 77 Jahre, dessen Weg zur Malerei wohl als ungewöhnlich bezeichnet werden darf. Zwar interessiert er sich schon als Kind sehr für Kunst und Malerei, schlägt aber beruflich eine ganz andere Richtung ein: Er studiert Sozialarbeit, ist in verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig und arbeitet schließlich dreißig Jahre lang als Bewährungshelfer beim Landgericht Dortmund. Warum ist er seinem künstlerischen Interesse damals nicht weiter nachgegangen, vielleicht sogar beruflich? »Ich gehöre zur Kriegsgeneration«, antwortet er, »da war für sowas keine Zeit, da hat man das getan, was notwendig war«, und er lächelt freundlich, denn diese Frage kann wohl überhaupt nur jemand stellen, der weit nach dieser Zeit geboren ist.

Aber als er mit 60 Jahren sein Berufsleben beendet, ist er da: Der richtige Moment, um sich der Malerei zuzuwenden. »Ich habe mich einfach zu einem Kurs in der Familienbildungsstätte angemeldet und angefangen.« Steyers Talent zeigt sich schnell, er wird Mitglied der »Farbigen Palette«, einer Gruppe von zwölf Künstlerinnen und Künstlern seiner Heimatstadt Lüdinghausen. Im eigenen Atelier entstehen ab 2000 Dutzende Arbeiten, die er in Einzelausstellungen und als Mitglied der Künstlergruppe in Deutschland, aber auch in Frankreich ausstellt und in die USA verkauft.
Der Auslöser für diese späte Wende? Nach dreißig sehr kräftezehrenden Berufsjahren als Bewährungshelfer war es vielleicht das dringende Bedürfnis nach einem Gegengewicht: »Als Ausgleich war ich wohl auf der Suche nach einem kleinen Stückchen heile Welt«, sagt Steyer, und die lag gar nicht fern: Seine Arbeiten aus den vergangenen sechzehn Jahren zeigen viele Motive aus dem heimischen Garten, aber auch Landschaften von Reisen in die Toskana oder nach Mallorca. Blumen sieht man durch seine Augen in Detailstudien oder aufgelöst in expressiven Farbrausch. Neben großformatigen Werken sind auch kleine, kaum postkartengroße, aber farblich sehr konzentrierte Miniaturen zu sehen – »Spielereien« nennt Steyer sie. Dass hier vermutlich nichts aus »Spielerei«, sondern aus einem tiefen inneren Bedürfnis entstanden ist, das ahnt man nach seiner angedeuteten Lebensgeschichte sehr wohl.

Im September 2015 sind Nico Steyer und seine Ehefrau von Lüdinghausen, westlich von Münster gelegen, nach Holzhausen gezogen. Ein eigenes Atelier hat er hier zwar nicht mehr, aber einen Garten – und viel mehr braucht es für ihn nicht, um wieder zu Pinsel und Farbe zu greifen.

Haus Ohrbeck zeigt die Arbeiten von Nico Steyer bis zum 15. August 2016.