Demut: Geh hinein in deine Kraft – Studientag mit Pierre Stutz

Hinter dem Rednerpult das gewohnte Bild: ein kleiner Rucksack und Wanderschuhe, denen man ihre Kilometer ansieht – Pierre Stutz ist wie immer mit leichtem Gepäck unterwegs. Aber wo, fragt man sich, ist denn eigentlich sein Manuskript? Immerhin liegt ein ganzer Studientag vor ihm. Ja, da muss man schon genau hinschauen:

Auf dem Pult, das Platz für zwei, drei nebeneinander liegende A4-Seiten bietet, liegt einzig ein kleiner Zettel im Format einer Postkarte, darauf handschriftlich nichts weiter als ein paar zentrale Stichworte, manche grün markiert: »Du darfst scheitern«, »Du bist mehr als deine Verletzungen«, »Wachse am Widerstand« – das ist alles. Keine ausformulierten Texte, kein engmaschiges Manuskript, das »abgearbeitet« wird. Natürlich hat auch Pierre Stutz ein Konzept für diesen Studientag, aber sein Blick und seine Aufmerksamkeit sind nicht beim Papier, sondern bei den Teilnehmern und den Inhalten, die er vermitteln möchte. Der Studientag des 24. Oktober entsteht am 24. Oktober – das ist deutlich zu spüren und wohl einer der Gründe für die von vielen Teilnehmern empfundene Intensität und Wahrhaftigkeit dieses Studientags, in dessen Mittelpunkt die Demut stand.

Demut: Selbstverleugnung? Ergebung?
Liest man sich in Wörterbüchern durch die Jahrhunderte, ist im Zusammenhang mit »Demut« hartnäckig von Selbstverleugnung, Unzulänglichkeit und Ergebung die Rede: »Demuth ist eine Tugend«, heißt es in Zedlers Universal-Lexicon von 1732, »da man sich geringer hält als alle andere Menschen und solche Selbstverläugnung bey aller Gelegenheit an den Tag leget.« Ähnlich fast einhundert Jahre später das Damen Conversations Lexikon von 1835: »Demuth ist die Kraft der Selbstverläugnung, die schweigende Anerkennung eigener Unzulänglichkeit gegen höhere Macht, Ergebung in Bestimmtes, Unvermeidliches, Größeres.« Und heute, nochmals fast zweihundert Jahre später, liest man im aktuellen online-Duden, Demut sei Ergebenheit, die in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründet ist. Dass Demut oft im Sinne von Sich-klein-machen, passivem Verhalten oder Unterwürfigkeit verstanden wird, kann also nicht verwundern.   

Demut ist eine Kraft!
Ein Missverständnis, sagt Pierre Stutz, und macht sich daran, die Demut davon zu befreien – daran lässt schon der Titel seines Studientages keinen Zweifel: »Demut: Geh hinein in deine Kraft«. Demut und Kraft, wie passt das zusammen? Demut versteht Pierre Stutz als eine Haltung, die zweierlei zusammenbringt: Die eigenen Grenzen, die eigene Kleinheit zu sehen und anzuerkennen – ohne sich selbst abzuwerten oder gar wertlos zu fühlen. Und gleichzeitig die eigenen Fähigkeiten, die eigene Größe zu kennen und nicht zu verbergen – ohne sich selbst zu überschätzen. In diesem Spannungsfeld entsteht das, was für Pierre Stutz den Kern von Demut ausmacht: Ein sicheres Gespür für die eigene Verortung in dieser Welt, eine innere Verbundenheit mit dem, was jetzt ist, Selbst-Wertschätzung und ein zugewandter Umgang mit sich selbst. Demut, in diesem Sinne verstanden, gibt innere Stabilität und setzt vor allem eines frei: Kraft. Wer sich seines eigenen Wertes bewusst ist, hat es nicht nötig, andere zur eigenen Aufwertung abzuwerten. Wer begreift, dass erst die Unvollkommenheit menschlich macht, muss Scheitern nicht fürchten und kann Neues einfach mal wagen. Wer sich Begrenzungen und manchmal auch Einschränkungen im eigenen Lebens beugen muss, kann sich dennoch aktiv daran machen, die bestehenden Räume, und seien sie auch noch so klein, kreativ zu nutzen.

Wie Pierre Stutz das meint? Das macht der passionierte Kinogänger unter anderem mit Hilfe von kurzen Sequenzen aus Kinofilmen deutlich, die sich unter seinem speziellen Blick unerwartet in kleine spirituelle Impulse verwandeln. Besonders beeindruckend: der Ausschnitt aus dem Film »Timbuktu«, in dem Jungen sich dem Verbot, Fußball zu spielen, äußerlich beugen müssen, sich innerlich aber kraftvoll widersetzen und ihren Freiraum wahren: Sie spielen ihren Fußball weiter, in Trikots und auf einem sandigen Platz – ohne Ball, imaginär, im Kopf.